Ein bemerkenswertes Ereignis, das entscheidend auf die Initiative der SPD-Genossen zurückzuführen war, vollzog sich am 12. April 1906: In Starnberg wurde die Allgemeine Ortskrankenkasse gegründet. Diese Gelegenheit benützten die Starnberger Sozialdemokraten auch gleich, um ihrem Unmut über die ständig steigenden Lebensmittelpreise Luft zu machen. Da dies vor allem auch die Frauen betraf, die ja – ebenso wie meist noch heute – mit dem Haushaltsgeld auszukommen hatten, wurden die Vertreterinnen des sogenannten schwachen Geschlechts auch gleich aktiv. Daraus entwickelte sich eine Frauenbewegung in Starnberg, wie sie seitdem nicht mehr gesehen ward. Zu der ersten öffentlichen Frauenversammlung am Sonntag, den 8. Juli 1906 in Starnberg, bei der Frau Greifenberg aus Augsburg über das Thema „Warum müssen sich die Frauen um das öffentliche Leben kümmern“ sprach, schrieb der „Land- und Seebote“ unter dem den Konsensus schon vorwegnehmenden Titel „Politisierende Weiber“: „Emanzipiert heißt frei, ungebunden, also will das sozusagen zarte Geschlecht frei und ungezwungen sein. Aus hiesigen Frauen-Kreisen wird uns geschrieben: Wie ein in dieser Zeitung jüngst erschienener Hinweis zeigt, scheinen die Herren der Sozialdemokratischen Partei nunmehr auch in Frauenkreise Parteigezänk tragen zu wollen. Man weiß nur zu gut, wo hinaus man will. Die hiesigen Frauen werden durch Fernbleiben bekunden, dass Parteipolitik und Frauen-Pflichten nicht zu vereinen sind und nicht vereinigt werden können. Mag die bestellte Augsburger Referentin noch so viel Schönes und Neues wissen, mag sie das Frauenstimmrecht verlangen, wir sagen Nein, die Frau gehört auf den ihr durch die Ehe zugewiesenen Posten.“ Über die Versammlung, an der über 200 Frauen und Männer teilgenommen haben, schließt der Bericht in derselben Zeitung schließlich: „Ein stürmischer Beifall belohnte die Referentin für ihre schönen Ausführungen, welche so mancher Frau eine Perle über ihre Wangen rollen ließen. Der Vorsitzende brachte ein dreifaches ‚Hoch‘ auf die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratie aus, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten, und schloss die schön verlaufene erste Frauenversammlung in Starnberg.“ So schnell hatte sich also die Meinung geändert!

Im Jahre 1907 kandidierte zum ersten Mal ein Starnberger für einen Sitz im Bayerischen Landtag: Johann Brunner schaffte das heißersehnte Ziel natürlich nicht, obwohl die Sozialdemokraten damals acht Mandate hinzugewannen und die Zentrumspartei, die als Vorgängerin der heutigen CDU/CSU angesehen werden kann, in München ganz leer ausging. Trotzdem war dies ein ehrenvoller Auftrag für Brunner, der inzwischen seinen Beruf als Zimmererpolier an den Nagel gehängt hatte und nun als Gastwirt im Gasthaus „Deutscher Kaiser“; (ehemaliges „Deutsches Haus“) stets für die Genossen einen kühlen Trunk bereithielt.

Es war schon beeindruckend, wie sich die Genossen treu und brav immer wieder zusammengefunden haben. Vor allem war erstaunlich, mit welcher Begeisterung sie sich an den Wochenenden oder an Feiertagen mit Familie, mit Kind und Kegel trafen, um zu einem befreundeten Ortsverein – etwa nach Tutzing – einen Ausflug zu machen. Das war ein Hallo, wenn die Gastschar im Gemeindebereich des anderen Ortsvereins eintraf! Man erging sich aber keineswegs nur in irdischen Genüssen, nein, im Mittelpunkt eines solchen Festtages stand immer die Politik, zumeist der Vortrag eines prominenten Redners. Erst wenn die Rede und die nachfolgende Diskussion die Genossen durstig gemacht hatten, ging man wieder zum familiären Teil über.

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